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Fragmentary: Über die Wirkweise von Geschichte(n) …

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Geschichten sind Resonanzangebote. Sie streuen ihre Buchstabenleckerlis vor dem Leser aus. Wer kann und mag, folgt den Wortkrümeln durch die Story, wie Hänsel und Gretel den Brotkrümeln durch den dunklen Wald.

 

Dabei folgen wir jenen Wortkrümeln, die etwas in uns anrühren … eine vage Erinnerung, eine heimliche Sehnsucht, eine tiefe Angst … .

Eine "gute" Geschichte führt uns durch jene Wälder, von deren Existenz wir (alb)träumten, ahnten, deren Konturen jedoch vor unseren auf das Äußere gerichteten Augen verschwammen.

Die waldigen Wege anderer, für unsere Gemüter und Gehirne ansprechend verplottet und verpackt, erlösen uns von dem Unsagbaren, Unbegreiflichen in uns selbst. Wir spiegeln uns in ihren Buchstabenwelten und wenn wir das denn wollen und ertragen können, erkennen wir uns selbst darin. Mitsamt unserer Erinnerungen, die gar nicht so vage sind, wie sie tun. Mitsamt unserer heimlichen Sehnsucht, die wir nur deshalb so sehr lieben, weil sie so böse und unerhört und unerfüllt ist. Mitsamt der tiefen Angst, die uns ganz tief drinnen zu einem furchterregend menschlichen Wesen werden lässt.

 

Geschichten mit mythisch-historischem Bezug sind besonders trickreich: Sie spielen ein doppeltes Spiel. Während du dich von ihren Welten einwickeln lässt, ganz individuell mittels deiner zwei Augen, deines Herzens und deines Hirns, wecken sie gleichzeitig ganz kollektiv die Geschichten deiner Vorfahren, die bislang in deiner DNA schliefen.

Ihre Geschichten, verdrängt, vergessen, schieben sich durch die Zeilen hindurch, hinein in deine Gegenwart: Deine Altvorderen, kämpfend und triumphierend, schwitzend und frierend, hungernd und feiernd, liebend und hassend, lebend und sterbend … sie springen dir aus den Romanfiguren und Plots entgegen, wenn du ganz genau hinschaust, hinspürst … .

Und dann passiert es: Plötzlich liest du mit zwanzig, hundert, tausend Augen, fühlst mit zwanzig, hundert, tausend Herzen und reflektierst mit zehn, fünfzig, fünfhundert Hirnen (nein, die abweichende Zahlenangabe ist weder ein Tipp- noch ein Denkfehler, sondern eine überdachte Anpassung an die menschlichen Realitäten).

Entsprechend intensiv, bis kurz vor unerträglich, wird deine emotionale Reaktion auf das Geschichten-Geschehen ausfallen.

 

Häufig sind besonders jene Romane auf den Bestsellerlisten zu finden, die - eingebettet in historische Begebenheiten - stapelweise Schicksalsmaterial liefern. Dieses lauert darauf, sich mit deinen individuellen und kollektiven Schicksalsfäden zu verbinden, damit du mit jeder individuellen und kollektiven Faser erinnerst und heulst, wütest, liebst, hasst, zweifelst, sehnst ... dich mitreißen lässt von der Geschichte in der Geschichte.

 

Die Geschichte (im Sinne von Historizität) in der Geschichte (im Sinne von Roman etc.) hat noch eine andere Wirkung: Indem ein halbwegs überprüfbarer, historischer Rahmen bereitgestellt wird, kann dein innerer Kritiker entspannen. Er (oder sie) wird auf der Grundlage einer Basissicherheit eingelullt: „Ja, das war so. Genau so ist es gewesen. So steht es auch in den Geschichtsbüchern!“

Auf dieser einladenden, historisch untermauerten Grundlagenbühne können dann sämtliche Absurditäten und Abwegigkeiten aufgeführt und zur Schau gestellt, deinem Verstand untergejubelt werden.

Das Absurde, an und für sich Abwegige erhält einen „faktischen Anstrich“. Der Drache, das Einhorn, sie erscheinen plötzlich ganz „normal“. Erst mit ein wenig zeitlicher Verzögerung fragst du dich, gibt es Drachen und Einhörner überhaupt?

Für dein Bewusstsein spielt diese Frage dann jedoch keine Rolle mehr, es hat die Drachen und Einhörner bereits adoptiert und in seine großen, weiten Arme geschlossen.

 

Geschichten sind immer wahr, egal ob deren Inhalt sich genau so zugetragen hat oder ob frei erfunden: In dem Moment, in dem ihre Bestandteile in unseren Köpfen und Herzen Form und Dynamik annehmen, werden sie real, entfalten ihre eigene Wirklichkeit - in uns selbst und damit auch in der Welt. Sie sind wahr-nehm-bar geworden.

Und dann wird es erst richtig spannend mit den Geschichten: Was machst du damit und daraus? Gibst du der Geschichte deine Hände, deine Beine … deine Stimme? Lässt du die Geschichte hinein in deinen Alltag, vermählen sich die beiden?

Aus so einer Hochzeit können interessante, schrägschöne Dinge erwachsen.

Das bleibt nicht ohne Folgen. Vor allem dann, wenn die Geschichten dich mit sich wegtragen in ein Paralleluniversum, welches nicht so wirklich kompatibel ist mit deinem aktuellen Hier und Jetzt. Dann darfst du dich entscheiden, altes oder neues Hier und Jetzt? Oder doch lieber erstmal eine neue Game-/Rollenspiel-/Convention-Identity als Fluchtschneise und fluffiger Kompromiss?

 

Manchmal treten wir mit einer gewissen Vorstellung und Erwartung an ein Buch, an eine Geschichte heran: „Lasst mich rein, ihr Buchstabenwelten, schenkt mir ein bisschen Ablenkung vom tristen Grau, schenkt mir blümchenschwangere Inspiration, schenkt mir die Illusion der Liebe ...“.

Und dann wirst du reingelassen und alles kommt anders: 

Die Buchstabenwelten bringen dich auf einen Heldentrip, du trittst einer Partei oder einer Sekte bei, willst die Welt retten, dich selbst vielleicht auch …

 

Was ist passiert?

Du hast die Wirkmacht der Buchstaben unterschätzt … deren disruptive Wirkung auf deine kleine, umgrenzte Welt.

Geschichten sind voll von Magie und Möglichkeiten. Sie treten in Wechselwirkung mit deinen inneren Landschaften und letztendlich kannst du nie hundertprozentig wissen, wie das für dich ausgeht ... welche Wirkung es auf deine Wege hat ... 

 

Wähle daher weise, welche Geschichten du in dein Leben lässt ... welchen Wortkrümeln du folgst, durch den dunklen Wald ... 

 

 

© Ann-Uta Beißwenger 2018

 

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