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Glossary: Der Fluss und die Frage der Freiheit ...

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Einen Text will ich schreiben, über den Simplicissimus, fällt dir doch nicht schwer, denk ich, bist doch selbst ein bisschen wie er. Bewegst dich in der Welt ein wenig fehlplatziert, doch irgendwie findest du den Weg dann doch immer, oder der Weg dich, und der Weg, der führt auf eine Insel, wieder eine Insel, es ist immer eine Insel. So muss es sein.

 

Und die Nebel, sie ziehen auf. Durchziehen die vagen Vorstellungen, die ich habe mit ihren feuchtschweren Schwaden. Umgreifen sie mit ihren Nebelfingern und befördern sie in ihre ewig hungrigen Münder. Immer fetter werden sie, die Nebel.

Unter dem Nebel, Wolken dunkelschwere, viel zu viele, ich versuch' sie wegzuschieben, mit diesen schlauen, aber nicht sehr muskulären Armen. Denn eines weiß ich, unter all dem Nebel, unter all den Wolken, da ist der Fluss.

 

Der Fluss ist da und mit ihm kommt der Quell der Worte. Der Quell der Freude und der Quell des Schmerzes, in Worte hineingetropft. Sie perlen auf Papier, die Worte, mit Hilfe meiner schlauen, aber nicht sehr muskulären Hände.

„Die, die schreiben, müssen lauschen“, sagt etwas aus dem Fluss und klingt klug, eine Nymphe vielleicht – ich schieb' sie weg die Nymphenidee, denn sie legt sich über den Quell der Worte, deckt ihn zu.

Die Worte tropfen weiter, kommen nicht mehr aus dem Fluss, fallen von ganz weit oben aus dem Ort, wo der Mond die Sonne manchmal trifft.

Hell ist's und dunkel ist's – ich schieb' sie weg, die Idee von hell und dunkel, bevor sie sich über die Worte legt, den Weg versperrt zu jenem Ort, wo die Dinge entstehen. 

 

Schreiben muss ich, um sie nicht zu verlieren, die Worte, mit meiner rechten und mit meiner linken Hand, gleichzeitig, und vor allem mit geschlossenen Augen, denn das Licht tötet den Fluss, trocknet ihn aus und verbrennt den Ort wo der Mond die Sonne manchmal trifft.

Die wahren Worte werden in der Dunkelheit geboren, dort wo man das Leuchten der Sterne sehen und fühlen kann.

So muss es sein.

 

Und dann ist er plötzlich da, der mit nur einem grauen Auge und er sagt: „Got it! I know how to get them. I have a tiny cute plan!“ Die hat er immer, der mit einem grauen Auge, er liebt und lebt Pläne und deshalb gab ich ihm eine Hauptrolle in meinem englischen Roman. Das weiß er auch zu schätzen und jetzt hat er noch mehr Pläne.

Und ich winde mich, stapele Bedenken bezüglich neuer Pläne, schichte sie auf, armselig irgendwie, zwischen mich und ihm mit nur einem Auge. Die Ordnung, die Bedenken, ich muss sie zurückschicken, in jenes ferne, fremde Land jenseits der Wolken und Nebel. And I try to resist, I try to focus, 'cause I don't want to loose the thread which has not been woven yet, anyhow, don't want to loose the illusion, there might be a thread, something to follow, to stick to … like moon-flakes and star-flakes, caught in words and in other more visible things.

 

Meine rechte Hand schreibt weiter in der Sprache des Einäugigen and he tugs me down below the terrifying sea and I wonder how can I breathe here, but I do and I stop wondering. I hear One Eye's words in my head saying, we have to get to the center, where She rests, the sacred world-mill, the one grinding hopes and fears and time. Because I think I am smart but, behold I am not, I open my mouth to form questions but instantly the water fills my mouth, silencing my question-marks. It travels its path to my lungs and I cough and I fight and I start to believe in my foolishness.

One-Eye laughs, yes he does, a great exception to an unwritten rule, and instructs me to mindspeak. And because I have quit to be smart I don't ask further and just do as he demands and yes, I can do the thing he calls „mindspeak“. „Why do we go to the world-mill“, I mindspeak to him. „You will write about the world-mill. Writing is nothing without having seen and felt what you are writing about“ is his short but determined answer. So muss es sein.

 

Und so habe ich zwei Jahre in der Weltenmühle verbracht, irgendwo in der undurchdringlichen Tiefe des kalten Atlantik, viele Algen mit Zeichen versehen, für später, für die Zeit des Vergessens.

 

Aber dann eines nassen Morgens zittert etwas in meinem nicht mehr ganz so schlauen und nicht sehr muskulösen Herzen, es ist ein Baum, der will geboren werden. Ich tauche auf und da ich mich wie meist in Inselnähe wähne, will ich hinüberschwimmen und ihn ganz pragmatisch einpflanzen, inmitten von Feuer und Eis.

„Du sollst mich pflanzen, nicht töten!“, sagt der Baum irritierend undankbar,„Siehst du denn nicht, dass es hier keine Erde, keine Nahrung für meine Wurzeln gibt?“ Für einen kurzen Moment schäme ich mich, doch dann erinnere ich mich an den Simplicissimus in einer weit entfernten Zeit, in einem weit entfernten, fremden Land und entgegne mit einfältig geschwellter Brust: „Na, dann gehe er doch selbst, der Baum, schaffe er sich zwei Beine an!“ Der Baum versteht das nicht und schleudert ein fadblättriges „Spinner!“ in meine Richtung.

Er verlässt mein Herz mittels seiner zwei neuen Beine und ich hoffe sehr, er hat eine Heimat gefunden, die ihm und seinen Wurzeln taugt.

 

Die Insel, baumlos zwar, doch voller Altem, voll von jenen, die vor der Zeit in die Manifestation geworfen. Ich lausche ihren Geschichten und meißele die alten Zeichen in die durch den Hauch der Jahrhunderte erkalteten Körper. Singe meine Lieder darüber, damit ich sie wiederfinde, nach dem großen Vergessen.

Dann eines Nachts, der Mond ist nach vielen Jahren wieder bei der Sonne, ist es an der Zeit, aufzubrechen. Zurück zum Fluss und zu den Wolken und zu den Nebeln. So muss es sein.

 

Ich spinne und webe den Weg, aus alten und neuen Worten, füge ein wenig Sternenstaub hinzu, um zu sehen, inmitten der Dunkelheit der Dinge.

Und während ich weiter spinne und webe, sehe ich vor der Nebelwand über dem Fluss ein viel zu blondes Mädchen stehen, mit zwei all zu adretten Zöpfen, mit zwei viel zu blauen Augen.

Ich will sie ignorieren und weiter weben zum Fluss hin. Doch sie öffnet den viel zu zierlichen Mund und sagt: „Ich kann dich glücklich machen“. Ich starre sie an und sehe den Schatten ihres Zauberstabs hinter ihrem Rücken: „Ich brauche keine blonde Fee, ich will frei sein!“ Meine Entrüstung, die Ländereien der ängstlichen Abscheu streifend, trägt die Worte zu den viel zu blauen Augen.

 

Im Nachhall meiner eigenen Worte, frage ich mich, was das eigentlich sein soll „frei sein“ und lasse die Frage lieber verdunsten im Nebel, der sich nun wieder über den Fluss senken will. Ich heiße ihn willkommen, den Nebel, wohltuend feuchtschwer umfängt er mich mit seinen Schwaden, wiegt mich zurück in das morgendliche Grauen jenes fremden Landes. Dorthin, wo ich einen Text über den Simplicissimus schreiben will.

Da liegt etwas in meiner linken Hand, während ich benommen und wortschwer versuche, meinen nicht mehr ganz so schlauen und nicht sehr muskulösen Körper aufzurichten:

Eine Tiefseemuschel, ihre Feuchte schmeckt salzig, darin spiegelt sich ein Gesicht, mit nur einem Auge, viel zu blau.

So muss es sein.

 

 

© Ann-Uta Beißwenger 21. November 2018

 

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