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Glossary: Der gute Rutsch und seine Tücken … 

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Einkaufen zwischen den Jahren. Es dauert nicht lange, da passiert es wieder: „Guten Rutsch … alles Gute zum Neuen Jahr!“ Gefolgt von einem irritierten Blick, wenn frau aus dem vorgegebenen Worthülsenschema ausschert, den Ball nicht zurückwirft und lediglich ein unspezifisches Brummen in den Kommunikationsraum gibt.

 

Ich frage mich, was soll das überhaupt sein, „ein guter Rutsch“?

Der forschende Blick Richtung Wikipedia ist dieses Mal nicht sonderlich ergiebig … reisen und rutschen und Brüder Grimm und dann noch diese linguistisch-konstruierte Geschichte mit dem Rotwelschen. Den guten Rutsch etymologisch aus einer Gaunersprache geklaut zu haben, hat jedoch zugegebenermaßen einen gewissen Charme.

 

Des semantischen Grauens erster Akt: Der „Rutsch“ …

 

Was wünschen wir uns mit einem guten Rutsch heute, im deutschen Hier und Jetzt?

Also in meiner subjektiven Wahrnehmung verheißt Rutschen gar nichts Gutes … im Gegenteil: Wenn ich den Berg runter kraxele und ins Rutschen gerate, ist eindeutig was schief gelaufen: Ich habe die Kontrolle über meinen Weg ins Tal verloren und muss mich nun wohl oder übel dem Gutdünken der örtlich-zeitlichen Gegebenheiten anheimgeben. Ich kann dann nur hoffen, dass ich mich beim Rutschen nicht allzu dämlich anstelle, und mir nicht noch ein Bein oder gar mein Genick breche …

 

Diesem Gedankengang weiter folgend, bietet sich darüber hinaus auch die Geburtsanalogie an: Rausrutschen in ein neues Erdenleben. Es handelt sich ebenfalls um einen Kontrollverlust. In dem Moment, in dem ich in meine neue Mitwelt rutsche, bin ich deren Gepflogenheiten ausgeliefert, ob mir dies nun passt oder nicht. Daran ändert sich später auch nicht mehr viel oder etwas optimistischer ausgedrückt, es erfordert viel Anstrengung und Sturheit, daran später was zu ändern.

 

Bezogen auf die zeitgenössische Silvester-Realität zeigt sich das Rutschen in etwas anderem Licht: Bei und nach dem großzügigen Genuss von Alkohol, oft begleitet von einer hohen Dosis intoxikierter Gesellschaft, schließlich gekrönt von dem sich zu später Stunde gemeinschaftlich-martialisch Rüberböllern in ein neues Jahr … da kann man tatsächlich ganz schön ins Rutschen geraten.

Kann noch mehr als sonst vergessen, wer man eigentlich ist und wo man sich so verortet in dieser Welt.

Der diffuse Rauschzustand lädt zu allem Übel dazu ein, sich selbst und anderen weitere Worthülsen in Form von Vorsätzen und Versprechen und Versagen zu verabreichen.

Jedoch verfügen diese über eine extrem kurze Halbwertszeit, so dass ihre Wirkung erfreulich schnell verblasst und – zum Leidwesen vieler Freunde von Vorsätzen – sie erneut den Blick auf die individuellen und kollektiven Wirklichkeiten freigeben.

 

So macht „ein guter Rutsch“ dann vielleicht doch wieder, mit etwas Situationskomik betrachtet, konstruktiven Sinn:

Möge man/frau/divers durch all diese Unwegsamkeiten und Selbsttäuschungen wohlbehalten hindurch rutschen und am Ende der Rutschpartie sich selbst (wieder)finden.

 

Des semantischen Grauens zweiter Akt: Das „gut“ …

 

Ich bin schon froh, wenn ich bezogen auf ein konkretes Heute weiß, was „gut“ für mich ist. Was morgen oder übermorgen „gut“ für mich ist, kann fundamental anders aussehen. Wie soll ich in meiner subjektiven und Insgesamt-Begrenztheit wissen, was „gut“ für einen Anderen ist?

Einem Anderen für eine mittel- oder längerfristige Unternehmung, wie z.B. ein neues Jahr, „alles Gute“ zu wünschen ist entweder Worthülse und damit sinnfrei oder – noch schlimmer – mit übergriffigem Egoeigenmaterial befüllt, welches dem eigenen Wunschdenken entspringt und dem Anderen großzügig übergestülpt wird.

 

Meist handelt es sich jedoch lediglich um eine weitere, in den Kommunikationsraum gestreute, leere Worthülse. Dann kommt es darauf an, ob du sie auffängst, die Worthülse, dir die Zeit und Muße nimmst, sie selbst zu befüllen, mit deinem eigenen Material.

 

Bezogen auf den „guten Rutsch“ gelingt dieses Befüllen übrigens am besten in einem Moment der Stille und halbwegs nüchtern. Danach kannst du dann die befüllte Hülse rüberböllern ins neue Jahr.

In dein neues Jahr.

 

Skál!

 

© Ann-Uta Beißwenger 2018

 

 

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