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"Finals almost done ...

Just one more

Live-thing to run

My ears ache

Need a break

Hope all the strain

Mixing fixing

Master disaster

Was not in vain 

(But anyhow

Have to admit

Beyond the pain

Still had some fun) ... "

(AnU, 13th of September 2019, the day after)

 

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Glossary: Über Begegnungen mit toten Dichtern und Denkern (Flaubert/Baudelaire/Nietzsche/Rilke) … 

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Während der Weihnachtstage und zwischen den Jahren die Lieben um sich versammeln: 

Alle Jahre wieder fällt mir dabei auf, dass die meisten meiner „Lieben“ bereits tot sind. 

Bei aller vermeintlichen Tragik, ist dies definitiv von Vorteil: Es pflegt sowohl die Gegenwartsverzweiflung wie auch eine rückwärts gerichtete Idealisierungsneigung. Darüber hinaus dient es der Aufrechterhaltung einer Beziehungsambivalenz im Hier und Jetzt. Gestaltet es sich doch deutlich schwieriger, mit den Jenseitigen im Alltag der Diesseitigen, physisch-manifeste Verstrickungen zu erwirken.

Dies wiederum öffnet die Räumlichkeiten für Konjunktive und kreatiefe Möglichkeiten … 

 

Viel Raum bräuchten wir, um uns zu begegnen: einen barocken Irr- und Lustgarten für Gustave Flaubert, ein labyrinthischer Darkroom für Baudelaire, einen tannenbewaldeten Berg mit Turm obendrauf für Nietzsche, eine gischtumbrandete Insel voller Rosen und Schmetterlinge für Rilke, ein versöhnliches Tal mit freundlichen Bächlein für Celan, eine weit über den Pariser Wolken schwebende, grenzenlose Bibliothek für Arthur Rimbaud, einen Ort weit weg von Salzburg, mit viel Stille und sauberer Luft, vor allem aber mit wenig Menschen, für Thomas Bernhard... viel Landschaft dazwischen, um atmen und die jeweiligen Eigenheiten wahren zu können. 

Schwenkbrücken und hermetische Flügelschuhe, um die Distanzen zumindest temporär und partiell leichtfüßig überwinden zu können.

 

Mit Flaubert würde ich zunächst ein gepflegtes Gläschen Rotwein trinken. Da ich gewöhnlich außer ein wenig Honigmet keinen Alkohol zu mir nehme, führte dieses Gläschen bereits dazu, dass wir nach einer knappen halben Stunde begännen, böse Lieder zu singen … wider die Sittlichkeit, die Norm, die Dummheit. Mein Französisch bewegt sich auf unterirdischem Niveau, ist seinerzeit versackt im Zuge meines Zornes auf jene Französisch-Lehrerin, die auch meine Musiklehrerin war. Daher würde ich nicht alle Worte verstehen, aber das wäre nicht so térrible. Am Ende mündeten wir sowieso in sprachunspezifisches Grollgelächter ein, begleitet von Flauberts verstimmter Mandoline.

 

Irgendwann zu später Stunde stiegen wir dann in Charles Baudelaires burleskes Höhlenkabinett hinab, schlürften abwegigen Absinth, setzten täuschend echt geschmückte Tiermasken auf, betrachteten und genössen die platonischen Schattenspiele an der üppig mit schwarzen Blumen verzierten Höhlenwand. Lachen würden wir hier besser nicht. Die Atmosphäre - feinkörnig apokalyptisch - hinter jeder Blume an der Wand wähnte ich Baudelaires von Gram gezeichnetes Gesicht ... Rotwein und Absinth waren ein Fehler ... 

 

Die Katerstimmung wäre perfekt, um zu Nietzsches tannenbewaldeten Berg aufzubrechen. Nicht als Mensch versteht sich. Eine göttliche Gestalt müsste schon sein, als Eintrittskarte gewissermaßen. Ich würde zwischen Thor mit eindrucksvoll schwingendem Hammer oder doch besser apollinischer Lichtgestalt schwanken. Entschiede mich für letztere und müsste erstmal üben, mich darin geziemend und glaubwürdig von der Stelle zu bewegen. Mit ein paar Schritten hätte ich die bergigen Tannenhallen durchschritten und blickte mit fehlender, allzu menschlicher Anstrengung durch das schmucklose Turmfenster. Und … wäre ein wenig enttäuscht. Gefreut hätte ich mich auf einen an seinem Schreibtisch niedergebeugten, großen Geist mit sorgsam gezwirbeltem Bartgewächs verziert. Doch was ich sähe, wäre ein in die Turmzimmerleere starrender, semi-verwahrloster Mann, zerrieben an der ihn umgebenden, schwächelnden Kultur und Moral. 

Ich würde dennoch an die Scheibe klopfen, aufgeben wäre nicht, schon gar nicht für einen in der Gestalt eines Apollo. Mein Licht würde Nietzsches in eine unspezifische Weite gerichteten Augen blenden. Doch das, was ihn ausmachte, innewohnte, würde zurückkehren und mich nun anblicken, nähme mich dank apollinischem Schein tatsächlich wahr. Anstelle eines zeitvergeudenden Grußes würde ich ihm zunächst sagen, dass er recht gehabt hätte. Um ihn zu beruhigen, zu bestechen. Die Rechnung ginge auf, er würde lächeln und sich endlich, endlich, über den zerzottelten Bart streichen und die beiden Enden, mit nachdenklichkeitsschweren Fingern nach oben, in Richtung Übermensch und Geist hin hochzwirbeln.

 

Nach der Begegnung mit Nietzsche wäre mein Herz etwas leer und ob dieser Leere schwer, daher würde ich mich zwecks Eigenregeneration in einen Schwan verwandeln, um zu Rilke auf die Insel zu fliegen. Ich wäre neidisch auf die Insel, nicht aber auf die Rosen. Zu viel Dornen und zu viel dumpfer Duft. Dazu die ganzen herumflatternden, bunten Schmetterlinge. Ziemlich irritierend.

Aber für die Gegenwart von Rilke, nähme ich all das billigend in Kauf. In achtsamer Distanz würde ich dort am Strand, auf seiner Insel landen – möglichst weit weg von den Rosen. Ich putzte mein gischtdurchnässtes Gefieder und watschelte langsam auf meinen überdimensionalen Wasservogelfüßen auf ihn zu. Dies würde sicherlich seine dichterische Aufmerksamkeit und Neugier erregen. Ihn vielleicht sogar zu ein paar interessanten Zeilen hinreißen. Dann käme der schwierige Teil und ich müsste mich rückverwandeln, denn ein sprechender Schwan wäre sicherlich auch für Rilke zu viel. Ich würde das Problem lösen, indem ich ihm erzählte, dass er wohl gerade von einem Schwan geträumt und ich diesen auch gesehen hätte. Vielleicht würde ihn dies beeindrucken. Oder wenigstens verwirren. Vielleicht keines von beiden. Es ist tatsächlich gänzlich unerheblich, denn wir säßen sowieso nur dort am Strand, von nicht zu vermeidendem Rosenduft umgarnt, den töricht-bunten Sonnenuntergang mit Dichterworten untermalend. Der dichterischen Sehnsucht Farbe und Form verleihend.

Der Aufenthalt bei Rilke wäre gefährlich, eine massive Versuchung mich zu verlieren, nicht mehr zurückzukehren. Ich müsste mich überreden und zwingen, irgendwann zwischen Sternenfunkeln und Morgengrauen eine möglichst pointierte, kurzgefasste Elegie über den Abschied zu komponieren.

Denn die Sehnsucht darf nie erfüllt werden, es wäre ihr Tod, ihr tragisches Ende. Und ein Dichter ohne Sehnsucht ist wie ein Camembert ohne Käse. Bei Rilke zu bleiben, wäre eine Art suizidaler Akt, den ich als eskapistische Option gerne in meiner Erinnerung bewahre.

 

Bereits nach vier Aufeinandertreffen stelle ich fest: Erstaunlich wortkarg sind die Begegnungen mit meinen toten "Lieben", stehen ganz im Gegensatz zu deren wortreichen Hinterlassenschaften, die mein gegenwärtiges Verkümmern verhindern. Es rührt wohl daher, dass die meisten Dichter und Philosophen die Wörter vornehmlich in den inneren Ländereien bewegen, um währenddessen weiter in das Transzendente hinaus lauschen zu können. Die vorzeitige Aussprache eines Wortes, entreißt es den ätherischen Gefilden, tötet es innerlich, höhlt es aus. Reifen muss es zunächst, bevor es geboren werden kann in die Lautheit der äußeren Welt und Zeit.

 

Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich Arthur Rimbaud, Paul Celan und Thomas Bernhard noch in ihren Räumlichkeiten begegnen möchte … oder ob ich doch lieber die Hoffnungsräume ihrer wortreichen Hinterlassenschaften vorziehe … 

 

Essaybezogene Literatur-Empfehlungen :

(leider weigert sich trotz Zusatzmodul und Bla mein Website Baker, die Amazon-Links lesbar einzuarbeiten, daher schnöde, traditionelle Auflistung mit ein paar Kommentaren):

 

Gustave Flaubert „Briefe“. Herausgegeben und übersetzt von Helmut Scheffel, Zürich, Diogenes Verlag 1977: ISBN 3257203861

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Persönliches "PS": Ja, ja, das ist der Flaubert, der (auch) Madame Bovary geschrieben hat. Nix gegen das Werk, "aber" ... die Briefe sind wesentlich reizvoller (im wahrsten Sinne des Wortes), da sie tiefe Einblicke in das herrlich unangepasste, basismisanthrope Denken und Fühlen Flauberts zulassen.

 

Charles Baudelaire „Die Blumen des Bösen“ … viele verschiedene Ausgaben erhältlich, meine liebste, zweisprachige Ausgabe: München, Artemis & Winkler 1979.

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Friedrich Nietzsche „Gesammelte Werke“. Köln, Anaconda Verlag 2012: ISBN 9783866477551

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Persönliches "PS": Mein Nietzsche-Favorit ist jedoch ganz klar der schmale Band "Gedichte" aus der legendären Insel-Bücherei (Nr. 361), erschienen in Leipzig, Insel-Verlag ohne Jahresangabe.

Darin finden sich auch ansonsten schwerer aufzufindende geniale Dichtungen von Nietzsche, die in den anderen Werken dazu neigen, im Textverlauf unterzugehen ... 

 

Rainer Maria Rilke … hier müsste eine endlose Liste folgen … für einen umfassenden Überblick eignet sich auch hier die Anaconda-Ausgabe, die auch die Elegien und Prosatexte beinhaltet: „Gesammelte Werke“ 2013. ISBN 9783866479265

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Bitte beachten: Text © Ann-Uta Beißwenger 2018

 

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