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"Jede Note

Ein Bote

Der Stille

Die jedem 

Ton innewohnt

 

Jede Note

In ihrem

Schweigen

Die Schönheit

Der Schöpfung

Vertont"

 

© Ann-Uta Beißwenger, 22. Mai 2020.

 

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Social Distancing: Der plötzliche Mangel an Masse ...

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Normal“ läuft es so: Du wanderst durch deinen Alltag und da gibt es jede Menge andere, mit denen du gemeinsam wandern kannst. Hinter denen du dich auch von Zeit zu Zeit versteckst. Mit deren Hilfe du dich von deinen Alltagsgegebenheiten ablenkst. Zum Beispiel durch eine gepflegte, kollektive Ekstase im Fußballstadion, beim Konzert oder wer es abstrakter und feinstofflicher bevorzugt, beim bildungsbürgerlichen Besuch einer Vernissage mit intellektuellem Sektumtrunk.

 

Machen wir uns nichts vor: Netflix & Co sind geil, ja, aber sie helfen nur bedingt. Insbesondere dann, wenn es darum geht, unseren Hunger nach Massenekstase zu befriedigen. Da hocken wir also mit unseren (maximal) Wohnungsgenossen und bemühen uns wirklich hart, so was wie kompensatorische Kleinkollektivekstasestimmung aufkommen zu lassen. Aber WG und Familie sind für dieses Zweck ... ähem ... überschaubar effizient. Das Ablenkungspotenzial ist doch eher „beschränkt“: Wir kennen die Pappnasen mit denen wir unser Leben teilen oft besser als uns dies lieb ist. Und falls das doch (noch) nicht der Fall ist, sorgen Corona & Co dafür, dass wir genau dies erleben dürfen: Wir lernen uns im Lagerkoller kennen und vielleicht auch im uns nicht-mehr-aushalten/lieben-können.

 

Man kann nicht den ganzen Tag joggen oder Gassi gehen. 

Bleibt noch der Ausweg über die Flucht in digitalisierte Massenphänomene via Live-Streaming. Doch die sind eben genau das: digitalisiert und damit physisch so weit entfernt wie das Ende der Kontaktsperre. Aber immerhin erschaffen sie eine vorübergehende Illusion von Gemeinschaftlichkeit, das lenkt ab von der individuellen Begrenztheit und … Einsamkeit.

Nicht umsonst zählen Online-Dating-Portale aktuell zu den großen Gewinnern … über die Anbahnung von zukünftigen, erhofften Zweisamkeiten wird das Gefühl der Verlorenheit, das sich unterschwellig in das Bewusstsein bahn bricht, erstmal rosa vernebelt.

Auch Verschwörungstheorien verzeichnen "massiven" Zuwachs: Über das sich gegenseitig intellektuell und emotechnisch kollektiv in Ekstase bringen, erhält der Alltag wenigstens ein feinstoffliches Illusionsmassenfundament. In entsprechenden Foren findet man/n Zugehörigkeit und Sinn über das gemeinschaftliche Feiern und farbbasierte Vernebeln – gemäß den individuellen Gesinnungsvorlieben.

 

Die Isolation, die viele von uns nun erleben „dürfen“, bringt uns in unmittelbaren Kontakt mit uns selbst und mit unserer existentiellen Einsamkeit. 

Menschen sind – zum Glück – unterschiedlich. Manche Zeitgenossen würden fast alles tun, um der Einsamkeit aus dem Weg zu gehen. Diese haben es zur Zeit besonders schwer. Andere freuen sich über den „gewonnenen“ Abstand zu den Mitmenschen und die damit einhergehende Entschleunigung und Vereinfachung ihres Alltags. Zumindest noch.

 

Die Mehrheit der Menschen jedoch sucht ihre Zuflucht im vorzugsweise gemeinschaftlich zelebrierten, physisch-manifestierten Erleben. Ob dies im Rahmen eines Konzerts, von DSDS, im Rahmen von Pokalfußball und Olympia, einem Clubbesuch, einer Party, eines Gottesdienstes oder einem simplen gruppenbasierten Restaurantbesuch passiert, ist dabei sekundär:

Das gemeinschaftliche Erleben schweißt uns zusammen nach außen hin und lenkt uns ab von der Leere nach innen hin. 

 

Das gemeinschaftliche Erleben vermittelt uns Feedbacks, Bestätigungen … Orientierung. Gemeinschaft verschafft uns einen individuellen und kollektiven "Stellenwert". Wir werden zum Träger einer Rolle und Position innerhalb der Gruppe, die uns wiederum als Individuum Wertigkeit und Sinnhaftigkeit stiftet. Gemeinschaft ist Treibstoff und Nahrung. Gemeinschaft, vor allem in der ekstatisch zelebrierten Variante, ist ein machtvolles Instrument, ein schwer kontrollierbarer Verstärker, sowohl für die Mächtigen wie auch für die Ohnmächtigen.

Im physischen Erleben der Masse erfahren wir das fluffig-abstrakte Konzept des Kollektivs auf der Ebene unserer eigenen, körperlich-greifbaren Wirklichkeit. Es wird dadurch aus dem numinosen, in den konkret erfahrbaren Bereich überführt.

Der Mensch braucht das körperlich Greifbare als Beweis und Bestätigung für dessen Existenz – auch, um letztendlich sich selbst lebendig, und in seiner Existenz bestätigt fühlen zu können. 

 

Besonders deutlich wird der aktuelle Mangel an Masse bei der Live-Übertragung von Veranstaltungen, bei denen nun das Live-Publikum fehlt. Die zu Beginn der Coronakrise behelfshalber initiierten Geisterspiele sind genau das: Blutleere, schemenhafte Gebilde, denen die vollbesetzten Ränge als Treibstoff und Nahrung fehlen. Das gleiche gilt für publikumsbasierte TV-Formate wie DSDS oder Let's Dance: Auch wenn sie nach wie vor stattfinden, ist der Unterschied zum publikumssubventionierten Event deutlich spürbar. Sie wirken konstruiert, leblos, fast fakig: Die Bestätigungsenergie und damit der "Existenzbeweis" durch das Publikum fehlt.

 

Die Möglichkeit der Flucht in die Masse … der Flucht vor uns selbst, vor unserer Einsamkeit, vor unserer Bedeutungslosigkeit, vor unserer Endlichkeit, vor unserem Schmerz und unseren Ängsten, vor unserer tiefverwurzelten Scham, vor unseren Vergangenheiten und vor Gegenwärtigem, diese Flucht wird uns nun vereitelt oder zumindest erschwert.

 

Klar, da gibt es ja immer noch die Videokonferenz mit unseren unfähigen oder arroganten oder wehleidigen Kollegen und die nervigen needy Kids, die dauernd beschäftigt und hausaufgabentechnisch bei der Stange gehalten werden müssen („Was für ein Glück!“) … aber trotzdem, wir können es nicht vermeiden:

Auf die meisten von uns kommen nun mit aller Macht und Wucht neue Herausforderungen zu. Zum einen in Bezug auf die Ausgestaltung des kollektiven Miteinanders. Vor allem aber auch bezüglich der Beziehung zu uns selbst.

Dies gilt für jene, die in „systemrelevanten Berufen“ arbeiten wie auch für jene, deren Tätigkeiten durch die Coronakrise zum Erliegen gekommen sind. Und natürlich betrifft es auch verstärkt jene, die zu den so genannten Risikogruppen gehören und nun mit längerfristigen Einschränkungen werden rechnen müssen. 

 

Der Mangel an Masse kann ein effektiver Katalysator sein: Wir lernen uns selbst und die uns Nahestehenden auf eine neue Weise kennen. Wir erhalten einen neuen Blick auf das, was unsere individuelle und unsere kollektive Welt im Innersten zusammenhält. Ob wir das aushalten und für die Zukunft nutzen können, wird sich zeigen. Viele werden Unterstützung benötigen, nicht nur wirtschaftlicher und organmedizinischer Natur: vor allem auch seel-sorgerisch.

Und auch "das Kollektiv", weit über das nationale hinaus, wird auf soziologischer Ebene einiges zu überdenken und neu zu bewerten haben.

Für eine Welt nach der Krise und wohl immer noch mit Corona. Für eine Welt im Umbruch, die nun aufgerufen ist, sich neu (zusammen) zu finden. Auf individueller und auf Massenebene.

 

 

© Ann-Uta Beißwenger 29. März 2020

 

 

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